Einmal im Jahr lädt die Hauptsponsorin alle Clubpräsidenten und Clubpräsidentinnen des VDCH-Landes ein, um sich vorzustellen, auszutauschen und kennenzulernen. Neben praktischen Tipps zur professionellen Pressearbeit bietet der Präsidententag vor allem eines: einen tiefen und exklusiven Einblick in das Handwerk renommierter Journalisten.

 

Erstaunt blickte am 11. Dezember ein Redakteur aus seinem gläsernen Büro im 7. Stock des Pressehauses am Speersort, als 36 Studenten durch den Gang liefen und in einem Besprechungsraum verschwanden. Ob sie hier denn gerade einen Flash-Mob veranstalten würden und ob er mit machen könne, wollte der Journalist wissen und lachte.

Selten bekommen Studierende die Möglichkeit, im Hause der ZEIT mit Veranstaltungsorganisatoren und Journalisten zu sprechen. An einem Nachmittag im Jahr öffnet die Hauptsponsorin der ZEIT DEBATTEN-Serie ihre Türen, um mit den Debattanten gemeinsam über das Jahr zu reflektieren – wie liefen die Turniere, was kann man besser machen und welche Dinge werden sich ändern? Bereits im letzten Jahr war klar: Für den Printjournalismus bleibt alles anders, die Berufsszene kämpft um Klickzahlen und Printauflagen.

 

Das Muss der Pressemitteilung in Zeiten hoher Veranstaltungskonkurrenz 

0 Teilnehmer des Präsidententages

36 Clubvertreter und Clubvertreterinnen waren angereist, um DIE ZEIT in Hamburg kennenzulernen. (c) Schwarz

Lina Kirstgen ist die Leiterin für Hochschulveranstaltungen bei der ZEIT und beobachtet den Wandel der Presselandschaft schon seit längerem. Viel hat sich getan: Redaktionen schrumpfen, Journalisten werden eingespart, das Korrespondentennetzwerk unter dem Effizienzgedanken reduziert. Das merke man auch bei den Veranstaltungen. „Es ist einfach sehr schwierig, die Presse vor Ort zu bekommen. Früher kamen die Journalisten von allein, heute müsst ihr richtig um sie werben.“ Konkret bedeute dies, Informationen mundgerecht zu servieren, nachzufragen und Pressemitteilungen zu professionalisieren. „Wenn im ersten Absatz nicht die W-Fragen beantwortet werden, schaltet der Journalist ab. Er hat ja noch 10 andere Veranstaltungseinladungen im Postfach“, so Kirstgen.

Über 40 Veranstaltungen bietet die ZEIT an Hochschulen pro Jahr an. Dazu gehört auch die ZEIT DEBATTE-Serie, die aus vier nationalen ZEIT DEBATTEN, den Regionalmeisterschaften sowie der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft besteht. Neu im Veranstaltungsprogramm der ZEIT ist die Reihe „Frauen führen anders,“ die jungen Absolventinnen Möglichkeiten zum Berufseinstieg und der Karriereplanung aufzeigen soll.

 

Die journalistische Arbeit in einer „neuen politischen Realität“

Nicht nur die ZEIT-Veranstaltungsreihe erweitert ihren Themenradius, auch die Redaktionen der Qualitätszeitung weben am neuen Gewand der Medienlandschaft mit. „Früher habe ich über das Wahldebakel der SPD geschrieben, heute gibt es kaum noch reine Innenpolitik“, berichtete Khuê Pham, die seit fünf Jahren für das Politikressort der ZEIT schreibt. Die Krisen der heutigen Zeit wirkten über die Ressorts hinweg, Innen- und Außenpolitik vermischten sich zu einem neuen Konglomerat. Die journalistische Arbeit müsse sich einer neuen politischen Realität anpassen, alte Grenzen verwischten, neue Hybridformen gelte es zu formen. Umso wichtiger sei die Kontextualisierung der einzelnen Themen, „dazu sind wir da.“ Einmal mehr gingen im Publikum die Hände hoch: Wie sich Print- und Onlinejournalismus noch unterscheiden, was sie trennen und was sie verbinden würde, wollte ein Debattant wissen.

Lenz Jacobsen, Politikredakteur bei ZEIT Online, gab Antwort und brachte die 34 jungen Zuhörer zum Lachen. „Na ja, wir machen das gleiche nur schneller.“ Das sei zumindest der Anspruch, allerdings sei die Themenaktualität gerade im Internet sehr wichtig. Jacobsen begleitete lange die PEGIDA-Demonstrationen in Dresden, berichtete über linken und rechten Protest und über die Wählerkurven der AFD. Persönliche Anfeindungen seien keine Seltenheit. „Man lernt, damit umzugehen und man darf nicht vergessen, dass die Kommentarspalten nicht die Leserschaft repräsentieren.“

 

Warum Spezialwissen bei Journalisten nicht ausreicht

Stefan Schmitt, Stellvertretender Ressortleiter Wissen, sprach über die Relevanz von Infografiken und das überschätzte Spezialwissen (c) VDCH

Stefan Schmitt, Stellvertretender Ressortleiter Wissen, sprach über die Relevanz von Infografiken und das überschätzte Spezialwissen. (c) Schwarz

Auch Stefan Schmitt, Stellvertretender Chefredakteur des Ressorts Wissen, sprach über die Herausforderungen, auf den Leser zuzugehen und da hinzuschauen „wo es knirscht.“ Die Aufgaben eines Wissenschaftsredakteurs lägen nicht in der Übersetzungstätigkeit. „Es bringt nichts, wenn 10 Leute Spezialwissen haben.“ Ähnlich wie beim Debattieren gehe es um die Vermittlung von Information. Im Redaktionsteam von ZEIT Wissen sitzen Ärzte, Mikrobiologen und Physiker, die wissenschaftliche Journals durchstöbern, um daraus für den Leser Trends und Wissenswertes zu destillieren. Schmitt ging auf die Alltäglichkeit der Wissenschaft ein, auf des Lesers Fragen nach Krebsrisiken, erweiterten Suizid und Gentechnik. Dabei müsse der Leser überzeugt werden, sich auf ein Thema einzulassen, weshalb ein guter Artikel nicht nur informiere, sondern Spaß machen und zum Nachdenken animieren solle. Da nickten die Debattanten zustimmend – so ist es schließlich auch mit einem guten Argument.

 

Enrique Tarragona, Stellvertretender Geschäftsführer von ZEIT Online, gab numerische Einblicke in die Entwicklung der Onlinepräsenz (c) VDCH

Enrique Tarragona, Stellvertretender Geschäftsführer von ZEIT Online, gab numerische Einblicke in die Entwicklung der Onlinepräsenz (c) Schwarz

Enrique Tarragona ist der Mann für Zahlen und Fakten. Der Stellvertretende Geschäftsführer von ZEIT Online kennt den Wert einer E-Mail-Adresse, die steigenden Klickzahlen auf ZEIT Online, wenn Deutschland in die Mittagspause geht – und die Diskussion über die Paywall im Internet. Auch ZEIT Online skizziert Entwürfe für eine mögliche Bezahlschranke. Freiwillige Spenden wären dabei nur Luftschlösser der Zukunft. „Wenn ein Laden Schuhe gegen Spende anböte, wäre niemand bereit, für den tatsächlichen Wert aufzukommen. So ist das nun mal“, stellte Tarragona fest. Auf dem Weg nach draußen wurde das Konzept der Paywall in dem ein oder anderen Gespräch noch einmal aufgegriffen: „Könnte man nicht …“, „Wäre es nicht möglich, dass …“ und schließlich die unvermeidbare Kernfrage: „Haben wir darüber eigentlich schon einmal debattiert?“

Nicht nur in den Beiträgen von Enrique Tarragona und Stefan Schmitt wurde deutlich, welche Parallelen die journalistische Berichterstattung und das Debattieren verbindet: die Reflexion der Gegenargumente, das überlegte und konsequente Abwägen und schließlich die Meinungsbildung, die überzeugen, statt tönend überstimmen sollte. Wir danken der ZEIT und allen Referenten für Ihre Bereitschaft, auf Augenhöhe mit den Debattanten ins Gespräch zu kommen und freuen uns auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr!