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Philipp Stiel und Peter Croonenbroeck werden für die Streitkultur Tübingen Deutscher Debattiermeister 2010

Die Sieger der Deutschen Debattiermeisterschaft 2010: Peter Croonenbroeck und Philipp Stiel
Die Sieger der Deutschen Debattiermeisterschaft 2010: Peter Croonenbroeck und Philipp Stiel (c) Rüdiger Goht www.gohr-fotos.de

Philipp Stiel und Peter Croonenbroeck vom Debattierclub Streitkultur in Tübingen siegten im Finale der 10. Deutschen Debattiermeisterschaft, die gemeinsam vom Verband der Debattierclubs an Hochschulen e.V. (VDCH), der Wochenzeitung DIE ZEIT und dem ZDF als Medienpartner veranstaltet wird. Zudem wurde Stiel von der Ehrenjury zum besten Redner des Finales gekürt.

Im Finale der 10. Deutschen Debattiermeisterschaft setzten sich die Studenten zum Thema „Dieses Haus glaubt, dass militärische Mittel zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen gerechtfertigt sind“ durch. Hunderte Zuschauer verfolgten Anfang Juni die Debatte zu dem durch den Rücktritt Horst Köhlers hochbrisanten Thema. Ist es unser gutes Recht, die Bundeswehr dort einzusetzen, wo Handelswege freigehalten oder offener Zugang zu Rohstoffen garantiert werden soll?

Wir sprachen mit den beiden Debattiermeistern über ihre Eindrücke und Argumente.

Herr Stiel, in Ihrer Rede haben Sie hervorgehoben, wir seien moralisch berechtigt, militärische Mittel einzusetzen, wenn die Versorgung unserer Bürger grundlegend bedroht sei, weil Piraten Handelswege blockieren. Glauben Sie, dass eine solche Lage überhaupt realistisch ist?
Philipp Stiel: Grundsätzlich werden auf der Debattiermeisterschaft die Positionen ja zugelost, ich hatte also in der Debatte die Aufgabe, die Argumente zu finden, die für den Einsatz militärischer Mittel sprechen. Auch wenn dieser auf den ersten Blick sehr unrealistisch und natürlich unpopulär erscheint, gibt es doch Einiges, was dafür spricht, dass sich die Politik einer solchen Möglichkeit nicht grundsätzlich verschließen sollte. Die Abhängigkeit vom Zugang zu Ressourcen und die Bedeutung des Welthandels für Deutschland machen im Prinzip recht deutlich, wie fragil unser Wirtschaftssystem ist und wie abhängig wir im Ernstfall von der Außenwelt sind. Natürlich wird es in Deutschland zu keiner Hungersnot kommen – aber wenn wir uns in Deutschland weiterhin nur mit Benzin fortbewegen und wichtige Grundnahrungsmittel nicht selbst produzieren oder produzieren können, dann wird sich diese starke Abhängigkeit nicht verringern.

Herr Croonenbroeck, Ihre Aufgabe war es, die Debatte zusammenzufassen. Fanden Sie es schwierig, für Bundeswehreinsätze gegen Piraten zu argumentieren?
Peter Croonenbroeck: Es ist natürlich immer angenehmer das zu sagen, was das Publikum hören will. Wir standen in der schwierigen Lage, gegen den allgemeinen Konsens anreden zu müssen. Zunächst wäre ich daher natürlich auch lieber auf der anderen Seite gewesen, aber nachdem wir in der Vorbereitungszeit sehr kritisch geprüft hatten, welche Argumente uns selbst überzeugen würden, solche Einsätze zu befürworten, haben wir uns eine Strategie zurecht gelegt, mit der wir am Ende doch große Teile des Publikums für uns gewinnen konnten.

Ist diese zugeloste Position eine besondere Herausforderung?
Peter Croonenbroeck: Als Debattant wird man oft gefragt, ob bei diesen zugelosten Positionen nicht die Gefahr besteht, gegen seine eigene Überzeugung reden zu müssen. Ich begreife dies eher als Gelegenheit meine eigene Position auf den Prüfstand zu stellen und mal die andere Seite zu betrachten. Dies kann bisweilen sehr schwierig sein, zeigt mir aber immer wieder, dass fast jede Streitfrage zwei Seiten hat, die beide vertretbar sind. Und auch wenn ich mich am Ende wieder auf eine Meinung festlege, so ist es doch gut, auch die andere Seite verstanden zu haben.

Glauben Sie, Herr Stiel, dass Debattieren Ihnen hilft, den politischen Diskurs in Deutschland nachzuvollziehen?
Philipp Stiel: Im Grundsatz schon – aber häufig findet dieser politische Diskurs leider nicht statt. Das Thema der Finaldebatte der Deutschen Debattiermeisterschaft zeigt das sehr plastisch, schließlich wurde die eigentliche Debatte zur Äußerung von Horst Köhler in der Politik gar nicht erst geführt. Im Gegenteil, häufig ist der politische Diskurs recht konsensorientiert, sodass die Grundpositionen, die für die verschiedenen Seiten sprechen, nicht herausgearbeitet werden. Genau das ist aber die Aufgabe der Debatte: Pro und Contra herausfiltern, sie dem Publikum erklären und es so in die Lage zu versetzen, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Herr Croonenbroeck, debattieren Politiker zu wenig?
Peter Croonenbroeck: Leider ja. Oder um es genauer zu sagen: Die Debatten, die stattfinden, kommen bei uns oft nicht an. Die meisten Entscheidungen werden in den Gremien getroffen und wir bekommen nur noch das Ergebnis vorgesetzt. Hier wäre es wünschenswert, den politischen Diskurs wieder mehr in der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen und weniger hinter verschlossenen Türen zu reden. Hinzu kommt, dass seit einiger Zeit die Politiker im Bundestag ihre Reden einfach zu Protokoll geben können, ohne sie gehalten zu haben. So lassen sich Gesetzesvorhaben natürlich schnell durchwinken, doch eine öffentliche Debatte findet über viele Themen überhaupt nicht mehr statt.

Helfen die Fertigkeiten, die Sie beide beim Debattieren jede Woche aufs Neue schulen, auch persönlich weiter?
Philipp Stiel:
Oh, natürlich. Reden kann man schließlich nur durch reden lernen. Und nirgendwo sonst werden Argumente und das, was man sagt, so ernst genommen und von allen Seiten durchleuchtet. Da lernt man schnell, nichts vorschnell zu behaupten, sondern zu begründen und verständlich darzulegen. Das hilft mir natürlich auch in meinem Alltag!

Wenn Sie zehn Sekunden haben, unseren Lesern zusammen zu fassen, was Sie am Debattieren begeistert, wie antworten Sie?
Peter Croonenbroeck: Mich begeistert die Vielseitigkeit der Themen, die mir schon viel beim Verständnis der Tagespolitik geholfen hat. Und natürlich die Kunst, mit einfachen Worten und geschicktem Sprachwitz den Zuhörer überzeugen und mitreißen zu können!

Vielen Dank Ihnen beiden für das Gespräch und herzlichen Glückwunsch zum Titelgewinn!

Die Deut­sche Meis­ter­schaft ist Teil der ZEIT DE­BAT­TEN, einer Serie von De­bat­tier­tur­nie­ren, die der Ver­band der De­bat­tier­clubs an Hoch­schu­len (VDCH) ver­an­stal­tet. Haupt­un­ter­stüt­ze­rin der Serie ist die Wo­chen­zei­tung DIE ZEIT; Schirm­herr der ZEIT DE­BAT­TEN ist Bun­des­kanz­ler a.D. Hel­mut Schmidt. Lo­ka­ler Schirm­herr für die DDM  2010 ist Müns­ters Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe. Die DDM 2010 wird un­ter­stützt von der West­fä­li­schen Wil­helms-Uni­ver­si­tät, dem För­der­kreis der Uni­ver­si­tät, der Stadt Müns­ter und der “Re­de­aka­de­mie”. Die Or­ga­ni­sa­ti­on des Tur­niers hat der De­bat­tier­club Müns­ter über­nom­men.

Ehrengäste des Fi­na­les waren unter anderem der Vor­sit­zen­der des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Deut­schen Bun­des­tag Ru­precht Po­lenz, die Rek­to­rin der West­fä­li­schen Wil­helms-Uni­ver­si­tät Müns­ter Ur­su­la Nel­les, der Lei­ter des Cen­trums für Rhe­to­rik an der Uni­ver­si­tät Müns­ter Ort­win Lämke und der Re­dak­ti­ons­lei­ter des ZEIT-Ma­ga­zins Chris­toph Amend.